Ein paar ungeordnete Gedanken was nach der Revolution™ kommt…

Seit ein paar Wochen schreibt der @ricksiebert Texte darüber wie eine utopische Gesellschaft aussehen könnte. Auch @pinthesk hat das getan. Beide Texte sind wunderbar. Sie bringen mich wahlweise zum lächeln oder zum weinen. Aber sie lassen das Gefühl zurück wir könnten gewinnen weil wir soviel zu gewinnen haben. Aber beide Texte spielen in kleineren Siedlungen/Kommunen und so sehr ich die Ruhe schätze die mir die Wochenende auf einer Hütte im Wald in der Nähe Dresdens geben, bin ich eben doch in der Stadt aufgewachsen und lebe auch gerne in der Stadt. Deswegen möchte ich gerne was darüber schreiben. Mal schauen, was dabei rauskommt.

Ich laufe durch die engen Straßen meines alten Viertels. Als ich geboren wurde, war es verkommen und hat vor allem Hausbesetzer_innen angezogen und Leute die alternative Lebensweisen ausprobieren wollten. Ihre kollektiven Versuche sind mit der Zeit versandet und das Szeneviertel wurde durchgentrifiziert. Doch an ein paar Ecken haben sich die alten runtergekommenen Häuser noch halten können. Das sind die Häuser aus denen heute noch die Fahnen herraushängen. Fahnen mit dem „neemt“-Zeichen. Oder mit einen A im Kreis. An manchen Ecken wehen mir auch schwarze, schwarz-rote und vereinzelt rote Fahnen entgegen.
Während ich auf die Straßenbahn warte drehe ich mir eine Kippe. Rauchend steh ich da und ärger mich: „Manche Dinge werden sich nie ändern! Im Kapitalismus waren die Bahnen unpünktlich und jetzt sind sie es auch!“ Ein junges Mädchen neben mir sieht mich abschätzig an. Ich glaube ich habe damals genauso geguckt wenn alte Männer neben mir irgendwas gebrummelt haben. Bei dem Gedanken muss ich schmunzeln. Ich werfe die halb-gerauchte Kippe auf die Straße und steige in die Bahn die grade um die Ecke kommt.
Während ich in der Bahn sitze um nach Hause zu fahren komm ich am Gebäude der wirtschaftlichen Planungskommission vorbei. Als ehemaliger Gewerkschafter hätte ich immer gedacht, dass ich eines Tages da arbeiten würde, aber als wir genügend waren um massenhaft die Betriebe zu besetzen und unsere ökonomische Macht einzusetzen um den Kapitalismus in die Knie zu zwingen, waren schon genügend Menschen mit mehr planerischem und rechnerischem Geschick Gewerkschaftsmitglieder als das meine Dienste von Nöten gewesen wären. „Ich hab die Propaganda gemacht und sie die Arbeit“ wie meine Tochter es manchmal ausdrückt wenn sie mich ärgern möchte.
Die meisten Straßenzüge durch die ich fahre sind saniert und haben saubere Fassaden. Doch vielen meiner alten Freunde gefällt das nicht. Wir haben alle zulange in unser Subkultur-Blase verbracht. Stattdessen wohnen wir in den gleichen alten Häusern wie damals. Wir setzen immer noch auf Gasherd und viele haben immer noch Ofenheizung. Unsere Häuser sind über und über mit Farbe besprüht oder mit Papier beklebt und es rufen einem immer noch die alten Parolen entgegen wenn mensch den Straßenzug betritt. Geändert hat sich eigentlich nur, dass wir nicht mehr den halben Monatslohn für Miete, Strom und Wasser abdrücken. Viele ernähren sich inzwischen vegan weil sie es sich jetzt leisten können. Jetzt wo wir Produktion und Konsum planen.
Unentschloßen steh ich an der Straßenecke. Geh ich nach Hause oder doch noch mal in die Kneipe. Schlussendlich siegt der Durst und ich geh 2 Häuser weiter und betrete die „Bar Kunin“. Immer wieder schimpfen wir als Kneipenkollektiv über den Namen aber können uns auch nicht auf einen neuen einigen. Ich schätze der wird so bleiben, bis wir alle tot sind.
Hinter‘m Tresen stehen Marco und Lena. Ich begrüße sie mit einer kurzen Umarmung und setze mich ihnen gegenüber. „Das übliche?“ fragt Lena und will mir schon eine Flasche Staro aufmachen, also ich sage „Ne, ich nehm ein kleines vom Fass.“ Sie lächelt mich an und nimmt ein Glas aus dem Regal hinter ihr.
„Is‘ eh besser wenn du vom Fass trinkst, das Staro-Kollektiv hat Schwierigkeiten beim Liefern. Erst gestern wurde in dem Dorf wo ich geboren wurde wieder jemand vom Planungsrat angegriffen. Die Faschos trauen sich wieder mehr. Die tschechischsprachige Föderation wird von Tag zu Tag instabiler.“
Sie stellt mir das Bier hin und geht an einen Tisch wo sich gerade 2 neue Leute hingesetzt haben. Sie tragen die immergleichen schwarzen Klamotten, wie die meisten die hier im Viertel wohnen. Alte Angewohnheiten denk ich bei mir. Als Lena wieder an den Tresen kommt sage ich: „Wenn das so weitergeht, dann drohen die slowakischen Sovjets wieder mit einem Einmarsch. Können wir denn irgendwie helfen?“ Während Lena ein weiteres Bier zapft, kommt Nadrah von hinten und streichelt ihre langen braunen Haare. Die beiden begrüßen sich mit einen langen Kuss, dann meint Lena: „Ich telefoniere morgen mal mit Genossinnen aus Prag und frage sie wie sie die Situation einschätzen. Aber es ist ja nicht so als hätten wir nicht auch hier immer noch Probleme. Nadrah, erzähl ihm mal was dir letzte Woche passiert ist.“
Nadrah senkt ihren Kopf und murmelt leise: „Mich hat jemand ‚Türkenschlampe‘ genannt. Auf offener Straße. Ich hatte wirklich gehofft, dass ich sowas nie wieder hören muss.“ Sie wirkt als wäre sie den Tränen nahe und als Lena sie in den Arm nimmt, biete ich ihr an ihre Schicht zu übernehmen. Sie nickt und Nadrah und Lena verlassen durch die Hintertür die Kneipe. Ihre Wohnung ist gleich über den Hinterhof.
Als ich Marco, der gerade ein Fass im Keller gewechselt hat erkläre warum ich jetzt den Dienst mache, nickt er stumm. „Wir haben die Betriebe übernommen und jeder kann in bestimmten Grenzen alles kostenlos bekommen. Und trotzdem haben wir immer noch keine Möglichkeiten gefunden diesen widerlichen Nationalismus ein für alle mal zu beenden.“

Als ich am nächsten Morgen zur Druckerei gehe, habe ich eine Datei auf einem Stick bei mir. Es ist ein Plakat gegen Rassismus und Nationalismus. Das Planungskomitee hatte schon vor ein paar Wochen den Druck bewilligt. Es soll vor allem in Schulen aufgehangen werden. Aber irgendwie erscheint mir das zu wenig. Ich muss durch die Innenstadt. Mit einem Coffee to go und einer Kippe laufe ich durch die Einkaufsstraße. Sie hat sich eigentlich nicht groß verändert. Schaufenstern und gehetzte Menschen. Irgendwas ist falsch gelaufen. Wir haben es geschafft die Arbeitszeit zu verkürzen und die auf Konkurenz aufgebaute Wirtschaft zu Fall zu bringen. Aber wenn ich jetzt in die Gesichter der Menschen schaue, dann sehe ich nichts mehr von dem Feuer aus den Tagen als wir Fabriken besetzt haben und Häuser. Ich beginne daran zu zweifeln, dass wir die Konsumgesellschaft, dieses immer mehr und mehr haben wollen und die anderen dabei vergessen, ob wir das jemals auslöschen können.
In der Druckerei angekommen werde ich gefragt, warum ich die Daten nicht einfach hochgeladen habe. „Internet streikt. Und die Kommission hat schlecht kalkuliert. Also sind keine Reparaturen an den Kabeln möglich.“

Als ich abends wieder in unserer Kneipe sitze meint Nadrah: „Du siehst fertig aus. Schlechten Tag gehabt?“ Ich nehme einen Schluck von meinem Bier, dann antworte ich: „So in der Richtung. Ich brauch einfach mal wieder Urlaub. Vielleicht fahr ich zu ein paar alten Genossinnen und Genossen auf die Landkommune um ein paar Tage Kraft zu schöpfen. Bei denen brennt noch mehr von dem alten Feuer was ich hier in der Stadt vermisse.“
Sie schaut mich an und meint dann: „Ich weiß was du meinst, aber du bist auch ein alter Pessimist. Es gibt immer noch viel widerliche Scheiße. Ich meine, ich erlebe es ja selbst ständig, ichbin nicht weiß und eine Frau, eine lesbische noch dazu. Aber wir haben auch schon ’ne Menge erreicht. Und wir müssen einfach weiter machen!“


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